Film ist eine Kunstwelt, die der Zuschauer kaum als solche erlebt. Für ihn entsteht mit dem Platznehmen im Kinosessel eine fließende Ersatzrealität, auf die er sich fast uneingeschränkt einlässt, die er dann nicht als spielerisch, sondern mit seinem vollen Ernst erlebt.
Dass aber ein Film zunächst in Wahrheit kein durchgehender, unsequentieller Erlebnisstrom ist, sondern vielmehr ein aufwändig geplantes, mit hohem Bewusstsein konstruiertes, mit einer eigenen Grammatik ausgestattetes zeitbasiertes Gebilde, ist den meisten Menschen nicht bewusst.
Licht in das Dunkel dieser gebauten Welt zu geben – ist das Ziel einer Ausstellung zur „Unsichtbaren Kunst“. Dabei steht im Zentrum der Betrachtungen das, welches das von der Wirklichkeit abgenommene (Film-)Bild zu einer völlig neuen Erlebniswelt zusammenbaut: die Montage.
Die Filmmontage ist jene Kunst, die das innerste Wesen des modernen Filmes bedeutet. Viele Künste des Filmes sind ebenso Bestandteil anderer Künste: die Kamerakunst findet sich (in der unbewegten Form) in der Fotografie, die Schauspielkunst im Theater. Die Montage aber (in jener Ausprägung) findet sich nur im Film. Betrachtet man das Wesen des Filmes – betrachtet man die Montage. Die Montage steht im Zentrum aller anderen Künste im Film, sie ist das Schlüssel-Gewerk, in ihr laufen alle Fäden zusammen.
Mit Hilfe verschiedener Elemente wollen wir uns in einer umfassenden Ausstellung dem Phänomen der Montage nähern. Dabei soll dem Ausstellungsbesucher die Möglichkeit gegeben werden, die Prinzipien, Funktionsweisen und Eigenarten der Montage im Dienste der Konstruktion einer Filmwelt kennenzulernen - und persönlich nachvollziehbar werden zu lassen.
Verschiedene Grundelemente der Ausstellung sollen dem Zweck dienen, jenen Aha-Effekt, jene Bewusstseinserweiterung im Besucher zu ermöglichen, den die Filmproduktion üblicherweise verbirgt: das Erkennen der Welt hinter der Leinwand. Dabei kann mit Hilfe der Ausstellung auch das Zusammenspiel der Film-Gewerke zueinander deutlich werden.
1. Timeline. Eine Timeline legt die Zeit auf ein Lineal. Sie ist die Konstruktionszeichnung für eine filmische Architektur. Eine Timeline verrät die innere Struktur eines Filmes. Sie ist die Partitur zu einer filmischen Komposition. Sie erzählt auch immer etwas von der Mentalität eines Filmeditors – dessen, der sie erstellt hat. Und sie ist dabei selbst ein ästhetisch hochinteressantes Gebilde.
Ausstellung mit Timelines verschiedener Filme der Filmgeschichte – vom „Panzerkreuzer Potemkin“ (nachträglich aufbereitet) bis zu „Lola rennt“ und natürlich einiger aktueller Filme, die der Besucher derzeit „um die Ecke“ im Kino ansehen könnte. (Vorhandene Timeline: „DREI“, Tom Tykwer/ Mathilde Bonnefoy, 6X1m)
Bild: die „längste Timeline der Welt“, 9m breit: „24h Südafrika“, ZDF
Dazu sollte eine erweiterte didaktische Aufbereitung der Timeline die dramaturgische Arbeit im Schneideraum stärker verdeutlichen – etwa so, wie in der künstlerischen Bearbeitung der Timeline „Blaubeerblau“ von Nicola Undritz dargestellt wird:
Bild: Drei Timelines von „Blaubeerblau“ - nach Drehbuch, nach erster Rohschnittabnahme, Sendefassung, Schnitt: Nicola Undritz, Regie: Rainer Kaufmann
Aber gerade auch, dass Montage ein „produktives Paradoxon“ von `Schneiden´ und gleichzeitigem Zusammenfügen darstellt, soll in Grafiken und Erklärtexten bildhaft erlebbar gemacht werden.
Bild: Das Paradoxon der Montage: „Schneiden“ (Trennen) und „Anfügen“ zugleich, blaue Positioner-Linien am AVID
Dazu kommt die theoretische Behandlung des „Universums der Filmmontage“, die zeigt, dass ein entstandener, fertiger Film zwangsläufig von zahlreichen bewussten Gestaltungsentscheidungen abhängig gewesen ist.
Bild: Zehn Fakultät! - Für nur zehn Kameraeinstellungen lassen sich mehr als drei Millionen Möglichkeiten des Arrangements (also mehr als drei Millionen unterschiedliche Filme) kreieren!
Diese Gestaltungsentscheidungen spiegeln sich z.B. in einem kleinen Film wider, der das Entstehen einer kompletten Timeline in einer Zeitraffer-Animation zeigt.
Weiterhin können Timeline-Projekte zur De-Montage/ Analyse von Filmen einen Dienst zur Erkenntnis leisten, dass Filme konstruierte Welten sind (z.B. HFF-Projekt zur Analyse des Filmes „Die Polizistin“ nach „femininen“ und „maskulinen“ Charaktermerkmalen).
2. Die Installation „Der fotografische Kreis“ von Valérie Smith versucht anhand einer Montagesequenz aus dem französischen Film „Maldone“ (1927), die Schnittstellen auf künstlerische Art für den Zuschauer zugänglich und erlebbar zu machen. Das Bewegliche wird stillgelegt und die unsichtbaren Klebestellen enthüllt.
Ein begehbarer Kreis aus paarweise nebeneinander hängenden Fotos stellt die Schnittstellen, losgelöst von der Bewegung des Filmes, vor. Das jeweils linke Bild entspricht dem letzten Bild vor dem Schnitt und das rechte dem ersten Bild nach dem Schnitt. Der Raum zwischen zwei Schnittstellen entspricht dem zeitlichen Abstand, den sie im Film zueinander haben (Maßstab: eine Sekunde gleicht 4 cm): der Montagerhythmus wird visuell spürbar.
Auf der Rückseite der Fotos, der Außenseite des Kreises, entsteht eine andere Lesart: jeder Figur wird eine Farbe zugeordnet, schwarz Maldone, dem Akkordeonisten, weiß dem tanzenden Paar und grau den anderen Protagonisten. Daraus ergibt sich ein dreifarbiges Motiv, das die Abwechslung der Figuren im Schnitt wiederspiegelt.
Bild: der fotografische Kreis
Ergänzend dazu laden kleine Videosequenzen und Objekte den Betrachter durch ihren spielerischen Charakter dazu ein, sie zu betätigen, in Schwung zu bringen, den Abstand und die Geschwindigkeit ihnen gegenüber selbst festzulegen, sich aktiv an dem Wahrnehmungsprozess zu beteiligen.
3. Einzelne Touch-Screen-Terminals sollen dem Besucher mit Hilfe von Filmausschnitten und Erklärsequenzen die Theorien bekannter Filmemacher und Montagetheoretiker nahebringen und ihm die Möglichkeit einer intellektuellen Auseinandersetzung mit dem Prinzip der Montage geben. Dabei sollen auch kategorisierende Begriffe etwa wie „Assoziationsmontage“, „Parallelmontage“ oder „Kontrastmontage“ verdeutlicht werden.
4. Es soll mit Hilfe eines Publikumsspiels, einer kleinen Kinosituation sowie der Auswertung von Besucher-Formularen die Möglichkeit gegeben sein, das legendäre Kuleshow-Experiment (welches zeigt, dass der Bedeutungsaufbau im Film durch das Verhältnis der Bilder zueinander entsteht) in aktueller Zeit neu durchzuführen.
Bei diesem Experiment wird der selben Einstellung eines neutral blickenden Mannes
gegengeschnitten. Die Zuschauer interpretieren bei Befragung den ersten Blick des Mannes als hungrig, den zweiten als traurig, den dritten als begehrlich, obwohl die Einstellung in allen drei Fällen genau die selbe ist.
5. Es sollte dem Besucher die Möglichkeit gegeben sein, unter fachlicher Anleitung an vorhandenen Schnittplätzen selbst einen kleinen Film zu editieren – um so die Prinzipien und Wirkungsweisen der Montage nachvollziehbar zu machen. Gerade hier (wie auch beim Kuleshow-Experiment) wird das interaktive Element und der spielerische Anreiz der Ausstellung deutlich. Alle Besucher schneiden mit dem selben Material, das Resultat aller Filme wird wiederum ausgestellt.
Bild: Die Möglichkeit, einen Film selber zu schneiden
6. Geschichtlicher Abriss über den Beruf des Filmeditors: Original Steenbek-Schneidetisch mit Umgebung (Umroller, Galgen, Bobbies, Fettstifte). Im Monitor könnten Filmausschnitte laufen, z.B. Pedro Costa: „Onde Jaz O Teu Sorriso?“- ein Film über die Schnittarbeiten von Jean Marie Straub und Danielle Huillet an ihrem Film „Sicilia“ - oder/und kurze Statements von z.B. Dagmar Hirtz, Peter Przygodda, weiteren Editoren aus der „Steenbek-Generation“. Vorgesehen sind Interviews mit bedeutenden Editoren der Filmgeschichte, z.B. mit Helga Borsche (die bis heute am Kem-Tisch arbeitet), Margot v. Schlieffen, die schon in den 30er Jahren in der Ufa schnitt, und evtl. jungen Montagestudenten, die an einigen Schulen noch heute eine Einführung am Steenbek bekommen.

Bild: Ein Schneidetisch
7. Die dialogische Qualität der Filmmontage, die in der Auseinandersetzung mit dem Material und den Gesprächen im Schneideraum zum Ausdruck kommt, soll über Zitate auf ausgestellten Tafeln vermittelt werden. Dabei kommen relevante Themen zur Sprache – somit lässt sich die Komplexität des Film-Editings im Umgang mit der Bedeutung des Materials erahnen. Bsp.: „Eigentlich fand ich den Schauspieler xy während des Drehs völlig unbrauchbar, aber jetzt wo er geschnitten ist, spielt er richtig gut. Und bringt die Erzählung voran.“
8. Rahmenprogramm, mit Werkstattgesprächen mit Editoren zur Montage von Filmen, die zum Zeitpunkt der Ausstellung aktuell sind, verschiedene Schnittfassungen einzelner Szenen...

(z:B. Filmreihe mit einigen Filmen, deren Timelines ausgestellt werden und evtl. dem Film von Pedro Costa (Onde jaz o teu sorriso?), „Sicilia“ von Jean Marie Straub und Danielle Huillet...
...to be continued...
Arbeitsgruppe des BFS (Bundesverband Filmschnitt Editor e.V.) und der Deutschen Filmakademie e.V.
Zum Zweck der Erstellung eines fundierten, publikumswirksamen Ausstellungskonzeptes hat sich innerhalb des BFS und der Deutschen Filmakademie eine Arbeitsgruppe aus mehreren Editoren gebildet
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